Sonntag, 6. Dezember 2009

Das Wohlfühlen


Neulich in der U4-Station Hietzing. Eine Durchsage beginnt mit: "Die Wiener Linien wollen, dass sie sich noch wohler bei uns fühlen, ..."
Es folgt eine Information über die derzeitigen Einsätze von Sicherheitspersonal, das im gesamten Stadtgebiet unterwegs ist, um mal für Ordnung zu sorgen. Laut Gratis-U-Bahnzeitung wurden dabei schon Dutzende Kriminelle gefasst, unter ihnen lange gesuchte NS-Verbrecher, Mörder, Politiker, Spekulanten, Deutsche und natürlich Asylanten aller Hautfarben.
Auch die Polizei scheint endlich mal Präsenz zu zeigen. Als ich einige Tage vorher die Straße bei der Ampel zur U-Bahn-Station überqueren möchte, rieche ich plötzlich Leder. Ein Streifenpärchen, männlich/weiblich. Mit leicht vorgeschobenem Bauch und fuchtelnder Beamtenhand macht Ledermann mich unmissverständlich darauf aufmerksam, dass mein Fuß genau einen Fuß zu weit in die Straße hineinragt. Bedrohlich pustet er sich auf, stumm unterstützt von der Kollegin. Ich schätze den Verkehrs-Terminator auf mindestens 20 Jahre jünger als mich, und registriere Adrenalin-Ausschüttung in mein Nervensystem. Er blafft mich an, ich bedanke mich, dass er so gut achtgibt auf mich. Hin und her flitzt die Kugel. Ich frage, ob er auch ein bißchen auf die Autos achtgibt. Er meint, die seien ja wohl gefährdet durch Fußgänger wie mich. Ich: Weil ja auch soviele Autos von Fußgängern niedergemetzelt werden.
Diesmal warte ich exakt auf die Grünphase und entfliehe diesem entsetzlichen Ledergeruch. In dieser Kluft hat etwas überlebt. Ich fühle mich kriminalisiert vom kleinen Ledermann, der vielleicht auch seiner Kollegin vorführen wollte, wie man Autorität ausübt. Dem zeigen wir es mal.
Das geht mir so durch den Kopf, als die Durchsage mir zukünftiges Wohlerfühlen verspricht.
Mehr Leder liegt in der Luft.
Und das Leben wird härter für uns Kampf-Fussgänger und militante Nichtraucher.

Samstag, 4. April 2009

Die Fahrer 2

Der Bimfahrer

ist der Exzentriker unter den Bewegern des öffentlichen Fuhrparks. Während man unter den Busfahrern nur selten Frauen begegnet, ist die Bimpilotin keine Seltenheit.
Selbstbewusst und meist sensibler als die männlichen Kollegen beherrscht sie das Triebfahrzeug. Vermutlich würde sie auch eher für alte Menschen, Kinder, Familien oder Haustiere auf die Bremse treten. Einer schwarzen Schäfin bin ich bisher begegnet, die eine etwas langsam einsteigende betagte Dame mal eben einzwickte und sich muffig bösartig herauszureden versuchte, dass da gar keine alte Dame war oder so. Schwamm drüber, von den Herren sind wir härtere Umgangsformen gewohnt. 
So eine Bim kann eine üble Waffe sein, verfügt sie doch über einige Masse und ist knallhart ohne jede Knautschzone. Design und Materialeigenschaften scheinen der Kriegstechnik zu entstammen. Das rattert und quietscht, wenn dieser Haufen Eisen anfährt, bremst oder um die Kurven eiert wie ein Schützenpanzer. Und es scheint einigen Spass zu machen, die Grenzen auszureizen, knapp bevor das Gerät seine Schiene verlässt. Vor allem im Frühjahr zu Beginn der Schicht des Fahrers oder gegen Ende (auch der Nerven) erlebt man mitunter solche Amokfahrten. 
Während Busfahrer sich eher etwas ähneln in ihrer kompakten Art (siehe Fahrer 1), gleicht kein Bimpilot dem andern. Da gibt es die hageren mit langen Haaren, die an Junkies erinnern, verträumte Märchenonkel, brutale Killertypen mit Mafiabrille, Akademikertypen mit Gelehrtenbrille, Satanisten, Träger gewaltiger religiöser Symbole, total gelangweilte Dumpfbacken, hoch nervöse Neurotiker oder seltsam verschwommene Romantiker. Doch alle, so verschieden sie sind, tragen sie stolz ihre Wiener-Linien-Dienstjacken, grüßen sich gegenseitig, und verhindern erfolgreich, dass Fahrgäste ihren Anschluss erreichen. 
 

Freitag, 3. April 2009

Knapp verpasst

Hofwiesengasse. Der 60er fährt mal gerade 10 Meter vor mir (im 62er) und ich mache mich auf ein Umsteigen der Gemütlichkeitsklasse 10 bereit. Zu früh, wie sich zeigt.
Denn die Prämie für die Fahrer für jeden verpatzten Anschluss wurde am 1.April deutlich erhöht. Und die haben sich beide Fahrer heute redlich verdient.
Wie das funktioniert hat, kann ich mir immer noch nicht erklären, werde es aber demnächst mit 2 Strassenbahnmodellen simulieren. Vermutlich jedoch handelte es sich um eine geschickte Kombination von Blitzstart des 60ers nach einem rekordverdächtigen Kurzhalt und einer schlafwandlerisch verzögerten Einfahrt des 62ers. Naja ... und die Prämie!

Freitag, 27. März 2009

Die Fahrer 1

Der Busfahrer

Oft im Sakko, erinnern sie eher an Lehrer oder Kleingewerbetreibende. (Vielleicht waren sie es vorher)
Ihr Arbeitsplatz bietet viel mehr Öffnung zum Kunden als der einer Bim. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb geben sie sich wortkarg. Das Schild -Bitte während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen- wird von einsamen, kommunikativ ausgetrockneten Stadtgeschöpfen gerne übersehen und konfrontiert den Mann im Sakko mit belanglosen Small-Talks über das Wetter, über Sakkos, die Krise, die Klimaerwärmung oder die Treibstoffpreise. Manch eine(r) möchte technische Angaben über das Nutzfahrzeug oder Gesundheitstipps und natürlich Informationen zum Fahrplan, zur Fahrtroute.
Die Antworten auf all diese Begehren sind meist gestisch. Ein Schulterzucken, ein Heben der gepflegten Augenbrauen hinter der Ray Ban Sonnenbrille, nie ein Augenkontakt (Ist vielleicht auch besser so).
Gelegentlich kommt es zu vorsprachlichem Räuspern, gemurmelten sinnlosen Lautfolgen, leisen Flüchen, die nicht immer inhaltlich auf das Gefragte eingehen.
Nur bei den akademisch gebildeten Fahrern kann man Worte oder zusammenhängende Sätze erwarten, ein seltenes Vergnügen.
Der Busfahrer ist der König beim fahrenden Personal. Er geniesst die grösste Freiheit, steuert er doch ein meist modernes Fahrzeug, das nicht in geschiente Bahnen gezwungen wird, sondern kleine Ausritte, Abkürzungen. grosszügige Kurvenauslegungen und engere Körperkontakte zu anderen Fahrzeugen ermöglicht. Er könnte auch mal einen Abstecher nach Hause machen, oder sich bei einem Drive-In etwas zu essen besorgen. 
Souverän entsteigt der Buspilot an den Wendepunkten seiner Strecke seinem Benz Citaro, zupft sein Sakko zurecht und raucht sich elegant eine an, manchmal ein nagelneues  Handy ans Ohr gelehnt.

Montag, 16. März 2009

Gejagte

Die Fahrer der Wiener Linien haben durchaus Jägerqualitäten. Doch ihre Fahrgäste geben auch oft ein gut jagdbares Wild. 
Da gibt es die Ausgeknipsten, die mit der vollen Musikdröhnung vom Kopfhörer weder das hysterische Gebimmel der Bahn, noch das Gehupe des Busses mitbekommen. Sie tapern wie Zombies direkt vor die Räder und schauen blöde, wenn die Bim kreischend vollbremst und 2 cm vor ihrer Nase zum Stehen kommt.
Da gibt es die Vollgetankten, die schwerst alkoholisiert den Individualverkehr vermeiden, dafür die Öffis in Mitleidenschaft ziehen. Wenn sie es schaffen, Bus oder Bahn zu besteigen, dünsten sie ganze Wagenteile ein, dass die Scheiben beschlagen und die Mitfahrer alleine vom Second-Hand-Alkohol duselig werden. Beim Aussteigen schaffen sie es dann jedoch spätestens schwereren Schaden anzurichten. Sie mähen Einstiegswillige um oder bleiben mit unkontrollierten Gliedern in den schnappenden Türen hängen, werden mitgeschliffen oder werfen sich vor die Räder.
Da gibt es Schüler, die vermutlich "e gleich m mal c-quadrat" aufsagen können, aber einfach nicht die komplexe Relativität der Bewegungen von Menschen und Fahrzeugen im städtischen Verkehr mitkriegen.
Trotz all dieser verlockenden potentiellen Opfer sollten die Fahrer der Wiener Linien doch ein bissel brav sein.

Donnerstag, 12. März 2009

Wieder kein Anschluss

Diesmal war ich voller Hoffnung: Vor mir, fast zum Greifen, der 62er, die Haltestelle fast erreicht. Da schiebt sich aus einer Seitenstrasse ein weiterer 62er zwischen uns. Der kommt frisch und motiviert aus dem Depot und soll meinen Anschluss verhindern.

Und das funktioniert folgendermassen: die beiden 62er  blockieren jetzt für einige Minuten die Haltestelle. Interessiert schaue ich dem tristen Treiben an der Haltestelle zu, bis sich beide Strassenbahnen auf und davon machen. Resigniert lasse ich mich auf die harte Bank der Linie 6o nach Hietzing plumpsen und verfalle in ein gewöhnliches Wiener-Linien-Koma.

Sonntag, 8. März 2009

Das Umsteigen

siehe auch: kein Anschluss unter dieser Linie!

Neulich war ich Zeuge eines missglückten Umsteigemanövers aus der nachfolgenden Bim heraus. Ich stand direkt hinter dem Fahrer und konnte so eine Unterhaltung mithören, die der etwas enttäuschte Fahrgast mit demselben führte.
Der etwas idealistisch wirkende Fahrgast meinte, es wäre doch möglich in einer Art kommunikativem Akt zwischen den Bims das Umsteigen zu ermöglichen. Das würde heissen: Vordere Bim wartet, bis hintere Bim stehen bleibt und die Umsteigewilligen eingestiegen sind.
Diesem Ansinnen musste der auffallend freundliche (weil er überhaupt versuchte zu erklären, ohne zu diskriminieren oder zu entwürdigen) Fahrer eine Absage erteilen.
Die Begründung liess mich nachdenklich werden:
Das Abwarten des Anschlusses gehe deshalb nicht, weil der Fahrer den Streckenplan einhalten muss. Er müsste dann ja dauernd warten, Grünphasen verpassen und damit letztlich ein Chaos auslösen.
Daran hatte ich noch nie gedacht. Wahrscheinlich gibt es ja massenweise Knotenpunkte dieser Art, wo man umsteigen kann und von denen ich gar nichts weiss. Und ist nicht exaktes Einhalten von Plänen wichtiger, als so ein paar verpatzte Umsteigemanöver?
Das erklär mal der wütenden Oma.

Die Elektronik


Das sieht ein wenig aus wie die Strassenbahnen auf einem Kinderkarussell und die Farbe der elektronischen Schrift erinnert an die Bildschirme der ersten Computer. Richtig schick, aber Wehmut beschleicht mich, weil die bisherigen Anzeigen nun wohl für immer verschwinden. Es hat sicher einen linien-internen Terminus technikus für diese klappernden Ungeheuer gegeben, etwa: Rollanzeige, Klorolle, Rappeldisplay oder einfach nur kettengetriebene linienbezogene Haltestellen-Dispo mit Handbremse. Manchmal konnte ich beobachten, wie mitten auf der Strecke die Anzeige zu laufen begann um den gesamten Strassenplan von Wien herunterzurasseln bis sie schliesslich bei irgendeiner Station stoppte, die wenig mit der eben tatsächlich erreichten Haltestelle zu tun hatte. Manch getrübtes Fahrgastauge blieb wie hypnotisiert auf diese rasenden Texte gerichtet und liess sein Herrchen oder Frauchen die gewünschte Ziel-Haltestelle verpassen.
Ich fragte mich auch immer, ob auf dieser Doppelrolle alle Strassenbahnlinien der Stadt passten und was geschähe, wenn sich ein Statiosname änderte. Wurde dann ein Teil rausgeschnitten und ein neues eingenäht von geübten Wiener-Linien-Näherinnen. Die Rollen forderten meine ganze Vorstellungskraft. Wie zum Beispiel konnte ein Stationsname sowohl auf der äusseren als auch auf der inneren Anzeige zu lesen sein? Die Lösung: Alles war doppelt vorhanden und ein Text musste dabei auf dem Kopf stehen. Mehr dazu? Sicher nicht.
Hin und wieder vergaßen die Fahrer wohl auch, am Wendepunkt den Richtungswechsel auf die Anzeige zu bringen. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine äusserst komplizierte Abfolge von Hand- und Fussgriffen und ev. Feinjustierungen, die nicht nur die Pause des Fahrers verkürzt hätten, sondern ihn auch nicht zumutbarem Stress und Unfallgefahren ausgesetzt hätten.
Hoffen wir, dass die neue hochmoderne Bordelektronik Abhilfe schafft und dem Fahrgast zu verbindlichen Informationen über das Fahrtziel verhilft.

Samstag, 28. Februar 2009

Die Linien und die Glieder

Bereits zum zweiten Mal diese Woche kamen Leute unter die Strassenbahn und verloren dabei Unterschenkel und ähnlich extremitäres. Zufall denken Sie?
Natürlich steckt ein System hinter diesen Unfällen, das mit dem internationalen Handel mit menschlichen Ersatzteilen verbunden ist. Die Fahrer der Strassenbahnen werden so geschult, dass sie möglichst saubere Amputationen erreichen, bei einem Schienenfahrzeug lediglich eine Frage der Übung und Geschicklichkeit. Unter den Fahrersitzen stehen Kühlboxen bereit, um das abgetrennte Glied aufzunehmen. Per Funk wird ein Bote ins Depot bestellt, der die Frischware annimmt und weiterleitet.
Die Ambulanzen am Unfallort suchen nach dem fehlenden Teil, sind aber meist hilflos und überfordert. Die Polizei, seit Jahren von den Wiener Linien durch Gratisfahrten gekauft, drückt alle Augen zu und stiftet eher Verwirrung am Tatort. Mitunter schüchtert sie auch potentielle Zeugen derart ein, dass das System bisher recht gut funktioniert.
Bei den derzeitigen Marktpreisen für frische menschliche Glieder springt sowohl für Management als auch für den Fahrer ein nettes Sümmchen heraus und sichert den Lebensstandard der Mitarbeiter.

Dienstag, 24. Februar 2009

Das Warten



Die Sitzgelegenheiten in den Wartehäuschen aus unverwüstlichem Metallgitter laden bei längeren Intervallen zu einer Liegepause ein. Und dies nicht nur im Sommer. Bei längerem Verharren in dieser Position prägt sich das Gittermuster in die Haut ein, was die Durchblutung fördert. Eine eindrucksvolle Erfahrung. 

Montag, 2. Februar 2009

Fasching

Um den tristen Eindruck der alten Garnituren etwas zu mildern, verteilen die Wiener Linien während der Faschingszeit an ausgewählte Fahrgäste fröhlich-bunte Luftballons. Für Zeitkartenbesitzer ist dieser Service gratis, alle Anderen werden um eine freiwillige Spende gebeten. Mit Hilfe der Spende werden neue Dienstfahrzeuge beschafft, mit denen ausgewählte Funktionäre der Wiener Linien dringende Privatangelegenheiten erledigen dürfen.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Einfach dem Bus nach


Vom Versuch, diesem wohlgemeinten Vorschlag der Wiener Linien zu folgen, ist übrigens dringend abzuraten.
Mal abgesehen davon, dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h garantiert überschritten wird, würde die Fahrt möglicherweise mit einem Totalschaden enden.
Die ruckartigen Brems- und Anfahrmanöver des Busses würden zu Rückenverletzungen und Übelkeit bei den Insassen führen. 
Hinzu käme die Gefahr, Menschen zu überfahren, die aus dem überfüllten Bus fallen, die an den Haltestellen, benommen von der gewalttätigen Fahrweise, aussteigen und unkontrolliert auf die Fahrbahn rennen. 
Ein Auffahrunfall wäre nur durch äusserste Geschicklichkeit vermeidbar.