Sonntag, 9. November 2008

Dichtung und Wahrheit

Da gibt es diesen Slogan auf hunderten Plakatwänden in Wien, der mir den letzten Anstoss zu diesem Not-Blog versetzt hat:
WIENER LINIEN - DIE STADT GEHÖRT DIR
Dazu eine gestellte Szene, in der einem Nutzer der Wiener Linien Gutes wiederfährt, indem er sich für diese Art des Transportes entscheidet. Da kommt einer rechtzeitig und ausgeruht zur Party, ein junges Pärchen ist sportlich am Stadtrand unterwegs und wird vom Bus abgeholt, da werden putzige Omas an der Haltestelle beglückt. An sich eine nette Kampagne, wäre mein Blick nicht gerade in dem Moment darauf gefallen, als mir wieder einmal der 62er vor der Nase davon fuhr, weil der mit geradezu erstaunlicher Präzision dem nachfolgenden 60er davon fährt, ohne auf Umsteigewillige zu warten. Und just indem der stumpfsinnig bösartige Fahrer mein Blickfeld verliess, fiel mir das Plakat in die Augen. Ich sah sofort eine eigene Kampagne vor mir, in der etliche von mir beobachtete Widerlichkeiten die Plakatwand zierten mit im anfahrenden Bus herumkugelnden Rentnern, einer Portraitserie der bösartigsten Gesichtsausdrücke der Chauffeure und Chauffeusen (eine ganze Menge), in zuschnappenden Türen gefangenenen Kindern und Kinderwagen, Müttern, die von ihrem Nachwuchs getrennt werden, Skeletten, die einem Intervall von mehreren Jahren zum Opfer fielen, durch falsche elektronische Anzeigen Getäuschten oder grausam vollgepferchten Schülertransporten mit gequetschten Leibern und
durch Kurven geschleuderten Crashtest-Dummies. Ich bedauerte sehr, dass mir die Mittel fehlten, diese Idee umzusetzen, weil für mich bereits der Erwerb der Jahreskarte nach und für Wien eine beachtliche Ausgabe darstellt.
Ich hätte mir in dem Moment einfach auch gewünscht, die Mittel, die diese Kampagne gekostet hat, wäre in eine Mitarbeiterschulung für die Chauffeure der WL geflossen, in der serviceorientierte Freundlichkeit ebenso trainiert werden wie Methoden zum Abbau körperlicher Spannungen, oder: "wie krieg ich meinen Hass auf diese Kretins von Fahrgästen weg" .
Vielleicht verdienen die ja auch viel zu wenig und sind deshalb angefressen. Oder ihre Arbeitsbedingungen sind unmenschlich. Möglicherweise werden sie vor Antritt ihres Dienstes von einem vorgesetzten Rüpel im Wiener-Linien-Dialekt gedemütigt und mit Videos von unterwürfigen Passagieren gereizt.

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