Sonntag, 15. Mai 2011

Durchsagen

Normalerweise ein Kapitel ohne Überraschungen: Mal verständlich, mal unverständliches Gebrüll werden dem Fahrgast Informationen vermittelt zu Fahrplanänderungen, Baustellen, Sonderangeboten oder zum nächsten Aufenthalt.
Die Kreativität eines Schaffners ist da weder gefragt noch erwünscht noch sinnvoll.
Seltene Ausnahmen bestätigen die Regel.

In Wien Meidling hat mein Zug manchmal ein paar Minuten Aufenthalt, weil das ja ein wichtiger Knotenpunkt ist. Mein Hirn schickt mich in ein Kurzkoma, aus dem mich Schaffner's Stimme weckt, der die Pause verkündet mit dem Nachsatz:
"Ich hoffe, Sie haben die Geduld, dass Sie die Pause genießen können."
Ein Philosoph, denke ich und sehe mich um, ob noch einer der Komapendler den Moment erkannt hat. Sieht leider nicht so aus. Am Südbahnhof gelingt es mir, doch noch den Mann zu der Stimme zu sehen. Er ist nicht nur Philosoph, sondern sieht auch wie einer aus:
Fast asketisch, mit einem grauen Bart, eher zierlich und sympathisch.

Eher schmerzhaft verläuft eine Durchsage wegen einer Baustelle vor Bratislava. Eine furchtbar komplizierte Mischung aus Daten und Fakten wird stockend aber sehr laut verlesen und dann haargenau gleich noch einmal wiederholt. Das grenzt an Terror und lässt vermuten, dass man die Fahrgäste für Volltrottel hält, die alles zweimal hören müssen, und außerdem für Schwerhörige.
Auch zu dieser Stimme ein passender Typ, beflissen und mit dem Gebaren eines Lokalpolitikers. Mit reschem Schwung zückt er an den Haltestellen seine Armbanduhr, wirft einen gestrengen Blick darauf und pfeift dann schrill.


Sonntag, 13. März 2011

Was für ein Charme


Ein neues Plakat ist aufgetaucht. Seit seinem Erscheinen versuche ich, halbwegs ähnlich smarte und beflissene Mitarbeiter der Wiener Linien zu finden.
Raten Sie! Ja, leider ist mir das bisher nicht gelungen.
Aber ich werde nicht aufgeben und weitersuchen. Es gibt sie sicher, sie verstecken sich vielleicht, sind schüchtern oder werden von ihren Kollegen gemobbt, weil sie gar solche Streber sind.

Montag, 8. November 2010

Fliehkräfte im 62A

Der 62A rast bei nieselndem Novemberwetter von Meidling (Philadelphiabrücke) nach Liesing.
Und das bedeutet für den Fahrgast: Stirb langsam 62.
Der Fahrer, ein ausrangierter Audi Testpilot versucht, dem Hinterteil seines Gelenkbusses davonzufahren, die Fahrgäste danken es ihm, mit wackelnden Köpfen und verzweifeltem Herumfuchteln der Greifarme.
Ein wichtiger Tipp für diejenigen, die noch nicht bereit sind zu sterben: Wenn man seine Haltestelle erreicht unbedingt sitzen bleiben, bis beide Teile des Gelenkbusses zum wirklichen Stillstand gekommen sind. Das Hinterteil macht nach Stillstand des Vorderteils oft nochmal einen kleinen Hopser, der manchem Frühaufsteher zum Verhängnis wird.
Bei geschätzten 3 Meter 42 bis zur Ausgangstür muss man sich dann allerdings sehr beeilen, um die sich schnell schließenden Türen zu erreichen und der Lichtschranke mitzuteilen: Hey, ich will noch raus! Bitte mich nicht zu umarmen!
Einige Mitreisende gehören den Frühaufstehern an und bewegen sich im tanzenden Bus zu ihren Wunschausgängen. Wie bei einem Erdbeben bringt sie der schlingernde Untergrund dabei von ihrem Weg ab und lässt sie mit Stangen und anderen Fahrgästen kollidieren.
Was ist die Ursache dieser Frühaufstehertänze?
Es ist nur vordergründig der rasende Pilot, es ist die Fliehkraft, deren Wirken durch den Piloten und das zappelige Hinterteil der Gelenkbusse gehörig verstärkt wird.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Zoog ftabb fährt ab

Die variantenreiche Durchsage des U-Bahnpiloten gehört nun der Vergangenheit an und wird abgelöst durch "Zurückbleiben bitte".
Das impliziert, dass man die Fahrgäste für derart zurückgeblieben hält, dass sie aus der Info "Zug fährt ab" nicht in der Lage sind zu schließen, dass sich die Türen schließen werden und sie nicht mehr versuchen sollten, einzusteigen.
Derzeit werden wohl in einer Phase des Übergangs beide Anweisungen gesprochen, die Neue "Zurückbleiben bitte" vom Band, "Zoog färpt ab" vom Zugführer. Mehrfach konnte ich Zurückgebliebene beobachten, die darauf mit verwirrt hin und her-zuckendem Kopf reagierten.
Sollten sich die Fahrgäste wirklich als derart zurückgeblieben erweisen, wie ihre Behandlung suggeriert, sollte man sich baldigst über weitere Durchsagen Gedanken machen, die ihnen die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ohne bleibende Schäden erlaubt.
Einige Vorschläge:

Zug kommt an
Tür geht auf
Guten Tag
Zum Einsteigen bitte die Tür benutzen
Bitte erst nach dem Öffnen der Türen einsteigen
Vorsicht Zugführer
Vorsicht andere Fahrgäste
Nicht über die Geleise gehen
Zug bleibt aus
Achtung Kurve
Beim Aussteigen bitte die Einsteigenden berücksichtigen
Im Moment kein Zug da
Wir bremsen, bitte festhalten
...

Sonntag, 14. Februar 2010

Zäck färbt app

Wir befinden uns in U-Bahnstation X. Ein Zug hält, Türen auf, Leute quellen raus, drängen rein. Dann, bevor die Türen zuschnappen die Durchsage, die da heißen soll: "Bitte einsteigen! Zug fährt ab". Im folgenden einige Variationen dieser Durchsage.

Zooooooog fädabb
Zufrab
Zuuuuk frtp
Zfrtab
Zab
Zzzzzzb
Zgfteräääääp
Zolfranterb
Sog faad ap
Zerg
Zfrntgmtmrp
Zsssssukk
AckgZchtfgerab
Be einstein Zftb
Zäck färbt ab

Ich frage mich, welche monströsen Kieferoperationen zu solchen Ergebnissen führen.
Möglich aber auch, daß dem multikulturellen, vielsprachigen Charakter der Stadt Rechnung getragen wird.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Das Bibipp

Die alte Bim macht bim, wenn man den Halteknopf drückt. Die neue Bim macht: bibipp.
Dieses elektronische Konstrukt erinnert an die Geräusche der Kassen im Supermarkt. Seit ein paar Jahren hat auch dort das analog-mechanische Gerassel das Zeitliche gesegnet. Hört man sich mal in Ruhe diese Kakophonie der Kassen an, wenn gerade Hochbetrieb herrscht, fühlt man sich ein wenig gefoltert von der Eindringlichkeit des Geräusches. Wer aber hatte die Idee, einen Ableger davon in die öffentlichen Verkehrsmittel einzubringen? Sicher einer, der gut daran verdient (der Komponist?).
Wie auch immer: Seit bibipp ertönt, ist es zu Ende mit dem angenehm schläfrigen Wachkoma, mit dem man sich vom Terror der Supermärkte erholen konnte. Aber seien wir froh, dass man nicht das Geräusch einer Trennscheibe gewählt hat. Auch ein paar Takte des Donauwalzers wären auf die Dauer nervtötend.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Das Wohlfühlen


Neulich in der U4-Station Hietzing. Eine Durchsage beginnt mit: "Die Wiener Linien wollen, dass sie sich noch wohler bei uns fühlen, ..."
Es folgt eine Information über die derzeitigen Einsätze von Sicherheitspersonal, das im gesamten Stadtgebiet unterwegs ist, um mal für Ordnung zu sorgen. Laut Gratis-U-Bahnzeitung wurden dabei schon Dutzende Kriminelle gefasst, unter ihnen lange gesuchte NS-Verbrecher, Mörder, Politiker, Spekulanten, Deutsche und natürlich Asylanten aller Hautfarben.
Auch die Polizei scheint endlich mal Präsenz zu zeigen. Als ich einige Tage vorher die Straße bei der Ampel zur U-Bahn-Station überqueren möchte, rieche ich plötzlich Leder. Ein Streifenpärchen, männlich/weiblich. Mit leicht vorgeschobenem Bauch und fuchtelnder Beamtenhand macht Ledermann mich unmissverständlich darauf aufmerksam, dass mein Fuß genau einen Fuß zu weit in die Straße hineinragt. Bedrohlich pustet er sich auf, stumm unterstützt von der Kollegin. Ich schätze den Verkehrs-Terminator auf mindestens 20 Jahre jünger als mich, und registriere Adrenalin-Ausschüttung in mein Nervensystem. Er blafft mich an, ich bedanke mich, dass er so gut achtgibt auf mich. Hin und her flitzt die Kugel. Ich frage, ob er auch ein bißchen auf die Autos achtgibt. Er meint, die seien ja wohl gefährdet durch Fußgänger wie mich. Ich: Weil ja auch soviele Autos von Fußgängern niedergemetzelt werden.
Diesmal warte ich exakt auf die Grünphase und entfliehe diesem entsetzlichen Ledergeruch. In dieser Kluft hat etwas überlebt. Ich fühle mich kriminalisiert vom kleinen Ledermann, der vielleicht auch seiner Kollegin vorführen wollte, wie man Autorität ausübt. Dem zeigen wir es mal.
Das geht mir so durch den Kopf, als die Durchsage mir zukünftiges Wohlerfühlen verspricht.
Mehr Leder liegt in der Luft.
Und das Leben wird härter für uns Kampf-Fussgänger und militante Nichtraucher.