Die Kreativität eines Schaffners ist da weder gefragt noch erwünscht noch sinnvoll.
Seltene Ausnahmen bestätigen die Regel.
In Wien Meidling hat mein Zug manchmal ein paar Minuten Aufenthalt, weil das ja ein wichtiger Knotenpunkt ist. Mein Hirn schickt mich in ein Kurzkoma, aus dem mich Schaffner's Stimme weckt, der die Pause verkündet mit dem Nachsatz:
"Ich hoffe, Sie haben die Geduld, dass Sie die Pause genießen können."
Ein Philosoph, denke ich und sehe mich um, ob noch einer der Komapendler den Moment erkannt hat. Sieht leider nicht so aus. Am Südbahnhof gelingt es mir, doch noch den Mann zu der Stimme zu sehen. Er ist nicht nur Philosoph, sondern sieht auch wie einer aus:
Fast asketisch, mit einem grauen Bart, eher zierlich und sympathisch.
Eher schmerzhaft verläuft eine Durchsage wegen einer Baustelle vor Bratislava. Eine furchtbar komplizierte Mischung aus Daten und Fakten wird stockend aber sehr laut verlesen und dann haargenau gleich noch einmal wiederholt. Das grenzt an Terror und lässt vermuten, dass man die Fahrgäste für Volltrottel hält, die alles zweimal hören müssen, und außerdem für Schwerhörige.
Auch zu dieser Stimme ein passender Typ, beflissen und mit dem Gebaren eines Lokalpolitikers. Mit reschem Schwung zückt er an den Haltestellen seine Armbanduhr, wirft einen gestrengen Blick darauf und pfeift dann schrill.
